Vorhandene Ausgaben und ihre Nutzer

Erkenntnisse zu den vorhandenen Ausgaben und ihren Nutzern

von Dr. Monika Schneikart, Februar 2019

A. Nachweisbare Benutzer der Deutsche(n) Poëtische(n) Gedichte von 1650 im 17. Jahrhundert

1.) Sigmund von Birken: ab 1664

Der in Nürnberg ansässige Dichter Sigmund von Birken (1626-1681) wird in der einschlägigen Forschung als der nach Martin Opitz einflussreichste Literatur- und Kulturmanager des 17. Jahrhunderts im deutschsprachigen Raum bezeichnet. Diesen Platz in der Kulturgeschichte verdankt er hauptsächlich seinem Wirken als Präsident der Dichtervereinigung der Pegnitzschäfer. Bekannt ist, dass er die bedeutende Sonettdichterin Regina Catharina von Greiffenberg (1633-1694) förderte. Über Ermutigung und Gedankenaustausch hinaus betreute er die Publikation ihrer Dichtungen. Aufschlussreich ist jedoch der Umstand, dass sich Birken bereits vor dieser Zusammenarbeit für die Dichtungen von Frauen interessierte. In seiner Funktion als Vorsteher des Pegnesischen Blumenordens hatte er diese Sprachgesellschaft Frauen geöffnet. Diese waren beileibe kein schmückendes Element, sondern erfüllten die Aufnahmebedingung: Die Übung in der Dichtkunst, d.h. das Schreiben von Gedichten nach den herrschenden Mustern. Was nun haben diese Vorgänge im süddeutschen Nürnberg mit Greifswald zu tun, was Sigmund von Birkens „Frauenförderung“ mit Sibylla Schwarz und ihren Gedichten? Die Fragen zielen auf eine mögliche impulsgebende Rolle der Dichterin und ihrer Gedichtausgabe. Und so ist bzw. war es auch! Genau diese Edition befand sich im Besitz Sigmund von Birkens! In seinem Tagebuch hat er ihren Kauf vermerkt: Unter dem Datum des 31. Januars 1664 notierte Birken: „ego Sibyllae Swarzige T[eutsche] Poemata pro 15 x [Kreuzer] kaufft“.[1]. Man kann durchaus, wie es erstmals Louise Gnädinger 1988 vorschlug, zwischen dem Erwerb des Gedichtbandes und der zeitlich unmittelbar darauf folgenden – modern gesprochen „strukturellen“ – Förderung von dichtenden Frauen, ihrer Aufnahme in den Pegnesischen Schäferorden, einen kausalen Zusammenhang herstellen.[2] Sibylla Schwarzens Gedichten wäre damit eine impulsgebende Rolle für Birkens Verhalten gegenüber der Literatur von Frauen und weiblicher Autorschaft zuzusprechen. Zwischen dem Erscheinen ihres Gedichtbandes, der vom Herausgeber Samuel Gerlach exemplarisch für das literarische System seiner Zeit konzipiert worden war, und Birkens Kauf liegen gerade mal 14 Jahre! [3]

Leider brachten die Recherchen nach diesem Band sowohl in der Privatbibliothek Sigmund von Birkens als auch in der Bibliothek des Pegnesischen Schäferordens keinen Erfolg. Beide Bestände, die im Nürnberger Deutschen Nationalmuseum aufbewahrt werden, verzeichnen hohe Kriegsverluste, zu denen offensichtlich auch Sibylla Schwarzens Gedichtband gehört.

2.) Ernst Bogislaw Herzog von Croy: vor 1684

Sibylla Schwarzens Gedichtband befand sich bis 1684 in der herzoglichen Bibliothek Ernst Bogislaws von Croy (1620-1684) in seinem Residenzschloss in Stolp (Hinterpommern). Der bedeutende Pommernhistoriograph Johann Carl Oelrichs kennzeichnete den letzten Angehörigen des pommerschen Herzogshauses als „eine(n) der zu seiner Zeit gelehrtesten Fürsten in Deutschland“[4]. Diese Gelehrsamkeit materialisierte sich u.a. in seiner Büchersammlung. Ein Teil davon lässt sich aus dem ca.1680 erstellten Stolper Catalogus Librorum rekonstruieren. Es handelt sich um eine humanistische Gelehrtenbibliothek, denn die antiken römischen Schriftsteller wie die neulateinischen Humanisten sind mit zahlreichen Bänden vertreten. Landesgeschichtliche Bücher, Teile davon wahrscheinlich aus der Wolgaster Schlossbibliothek, bringen eine höfisch-repräsentative Facette in das Sammlungskonzept. Eine weitere Gruppe bilden Bücher der europäischen „Gegenwartsliteratur“ des eigenen Jahrhunderts. Das sind deutschsprachige Autoren wie Andreas Gryphius, Johann Michael Moscherosch, Johannes Rist, Philipp von Zesen, Martin Opitz und eben auch Sibylla Schwarz.

Katalogeintrag des Gedichtbandes im „Catalogus Librorum“ [Ernst Bogislaw von Croy, Herzog von Croy und Arschot, [Stolp] – Staatsbibliothek zu Berlin – PK/ Sign: Ms.cat.A310,19vb

Ebenso verzeichnet der Katalog holländische, englische, italienische und französische Autoren. Die vergleichsweise hohe Zahl französischer Autoren zeigt einen Sammelschwerpunkt des Herzogs an – ca. 300 Titel von insgesamt 1.185 Bänden).

Per Testament war der Große Kurfürst, Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg (1620-1688) als Erbe eingesetzt worden, nachdem Ernst Bogislaws Sohn aufgrund seiner Konversion zum Katholizismus vom Vater enterbt worden war. So gelangte der Bestand in die kurfürstliche, später königliche Bibliothek zu Berlin.

B. Übersicht zu den gegenwärtig existierenden Exemplaren der Deutsche(n) Poëtische(n) Gedichte

1. Danziger Exemplar[5]

Als an den Senat der Stadt abzugebendes Pflichtexemplar der Druckerei Rhete stellt es quasi die ‚Nullvariante’ des Buches dar. Dem Druck wurde eine hohe editorische Sorgfalt zuteil, möglicherweise ein Verdienst der Druckerwitwe Anna Rhete, die ab 1647, dem Tod Georg Rhetes, die Druckerei bis zur Übergabe an den ältesten Sohn David Friedrich 1650 führte. Diese Sorgfalt, ebenso die Ausrichtung auf den süddeutschen Absatzmarkt, zeigt sich u.a. in der Beauftragung des zur namhaften Nürnberger Kupferstecherdynastie der Sandrarts gehörenden Jacob von Sandrart (1630-1708) für die Herstellung der Kupferstiche.

2. Greifswalder Exemplar[6]

Es weist aufschlussreiche handschriftliche Eintragungen auf; es handelt sich um den Besitzeintrag „F. Wakenitz“, vermutlich aus dem 18. Jahrhundert, sowie um bibliographische Notizen zu Schwarz’ Erwähnungen in Lexika. Der Sibyllen-Kupfertitel (die Dichterin als zehnte Sibylle) wurde nachträglich vor dem typographischen Titel eingeklebt.

3. Stolper Exemplar[7]

Handschriftl. Sonetteintrag Ernst Bogislaws von Croy in seiner Schwarzausgabe (1650): Staatsbibliothek zu Berlin-PK/Abteilung Historische Drucke/ Sign. Yi 1801:R

Dieser Band stammt aus dem Besitz des letzten Greifenherzogs Ernst Bogislaw Herzog von Croy und Arschot (1620-1684), wie es der Katalog seiner Stolper Bibliothek ausweist. In der Titelei folgt dieser Doppelband dem Danziger Exemplar. In die Einbandinnenseite („Spiegel“) hat der Herzog ein selbst verfasstes Sonett eingetragen.

Zahlreiche Unterstreichungen an den Gedichten belegen, dass der Herzog diesen Band gründlich gelesen haben muss. Die einzige vorgenommene Korrektur findet sich an einem Gedicht, das sich direkt auf ihn bezieht. Anlässlich seiner Immatrikulation an die pommersche Landesuniversität Greifswald (2. September 1634) hatte Sibylla Schwarz das Gedicht Als I[ihre] F[ürstliche] G[naden] vohn Croja und Arschott zu Greiffswald/ Studierens halben angelanget. verfasst. Die vorgenommene Korrektur lässt darauf schließen, dass Ernst Bogislaw von Croy das handschriftliche Original des Gedichts besaß.

4. Wolfenbütteler Exemplar[8]

Die Deutsche(n) Poetische(n) Gedichte sind mit 5 Drucken zusammen gebunden. Auffällig ist, dass der Band als Block heraus sticht, was über den Buchschnitt sichtbar wird. Eventuell hätte er einzeln gebunden werden können/sollen.

Nach diesem Exemplar entstand die Reprintausgabe von Helmut W. Ziefle (Faksimiledruck 1980). Allerdings entspricht die Anordnung der beiden Kupferporträts in seinem Reprint aktuell nicht derjenigen im Wolfenbütteler Exemplar.

5. Schweinfurter Exemplar[9]

Das aus der Fürstlich Stolbergischen Bibliothek Wernigerode stammende Exemplar wurde 1971 von dem Büchersammler Otto Schäfer erworben und gehört seitdem zur Sammlung Otto Schäfer in Schweinfurt.

Die umfangreiche Stolbergische Bibliothek wurde im 18. Jahrhundert von Christian Ernst Graf von Wernigerode (1710-1771) sowie seiner Gemahlin Sophie Charlotte, geb. Reichsgräfin zu Leiningen-Westerburg (1695-1762) aufgebaut.

6. Stralsunder Exemplar[10]

Der Gedichtband ist zur Zeit ausgelagert, er wird restauriert. Sobald er wieder zugänglich ist, erfolgt hier seine Beschreibung.

7. Münchener Exemplar[11]

Das zum gegenwärtigen Zeitpunkt nur digital eingesehene Exemplar enthält, wie alle anderen auch, beide Teile. Allerdings fehlen im Unterschied zu den anderen Exemplaren die 2 Kupferstiche. Sie wurden, wie es im 17. Jahrhundert aufkam, herausgeschnitten.

8. Exemplare in Yale und Kopenhagen[12]

Weitere noch nicht eingesehene Gedichtbände befinden sich im British Museum, der Yale University und in Kopenhagen.

Falls Sie weitere Exemplare kennen oder sogar eingesehen haben, freuen wir uns über Ihre Hinweise oder Ergänzungen! 


[1] Sigmund von Birken, Tagebücher, 2 Bde., bearb. v. Joachim Kröll, Würzburg 1971, Band 1, S. 98.

[2] s. Anm. 2, S. 254.

[3] Ausführlich zur Passgenauigkeit der Ausgabe dazu Monika Schneikart: Die Bedeutung des Autorenporträts für weibliche Autorschaft im 17. Jahrhundert am Beispiel der Edition Deutsche Poëtische Gedichte von Sibylla Schwarz, in: Bildnispolitik der Autorschaft. Visuelle Inszenierungen der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart, hg. v. Daniel Berndt, Lea Hgedorn, Hole Rößler, Ellen Strittmatter, Göttingen 2018, S. 149-172.

[4] Oelrichs, Johann Carl: Entwurf einer Geschichte der Königlichen Bibliothek zu Berlin, Berlin 1752, S. 4.

[5] PAN Biblioteka Gdańska Sign. De 4476.8. Ex libris im Spiegel: Ex bibliotheca Senatus Gedanensis.

[6] UB Greifswald, Bm 391S.

[7] Staatsbibliothek Berlin Sign. Yi 1801, Digitalisat: digital.staatsbibliothek-berlin.de/werkansicht?PPN=PPN8387468029PHYS

[8] HAB Wolfenbüttel A:229.2 Quodl.(5); Digitalisat: http://diglib.hab.de/drucke/229-2-quod-5/start.html. Für die Beschreibung danke ich Britta-Juliane Kruse von der HAB.

[9] Museum Otto Schäfer Sign.: Schw 45 i na“-„1650. VD 17: 23:257490 P

[10] Stadtarchiv Stralsund Sign.: C 407

[11] Bayerische Staatsbibliothek München Sign.: 4P.o.germ.191 k-1/2

[12] British Museum Sign: 88.9.22; Yale University Sign.: Zg.17.sc.94650); Kopenhagen. Die Angaben stammen aus: Tuttas, Susanne: Sibylla Schwarz – die “Pommersche Sappho”. In: Pommern in der Frühen Neuzeit. Literatur und Kultur in Stadt und Region. Hg. v. Wilhelm Kühlmann u. Horst Langer. Tübingen 1994, S. 389-398, hier S. 389f, FN 2. Leider fehlen für das Kopenhagener Exemplar die Bibliotheksangabe und die Signatur. Unser Mitglied Walter Baumgartner ist jedoch in der Spur!

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