Gedanken zum Film „Das Haus ist mir zu kleine“

von Walter Baumgartner

Der Titel des Films wurde vom Dramaturgen des Theaters Vorpommern, Sascha Löschner, vorgeschlagen: „Das Haus ist mir zu kleine“. Er gefiel mir sofort, weil er mindestens drei Bedeutungen haben kann, die alle passen. Zuerst ist es ein Zitat aus einem Trauergedicht, das im Film vorgetragen wird. Es geht um den Tod der Ehefrau von Herrn Jäger. Sibylla Schwarz beschreibt dort anschaulich, in direkter Rede, die psychische Verfassung des trauernden Witwers: In der nunmehr leeren Wohnung erinnert er sich daran, wo zu stehen und zu sitzen pflegte, das Essen schmeckt ihm nicht, kurz: „[Ich] tue nichts, als dass ich weine,/ Haus ist mir zu kleine.“ Das ist übrigens eine von den Stellen, wo Sibylla Schwarz eigene, originelle Gedanken in ihr Gedicht einfließen lässt. Sie verlässt sich hier nicht auf die Versatzstücke aus dem allen bekannten Repertoire, wie dies im Barock bei großen und kleinen Dichtern sonst üblich war.

Als Titel des Films bezieht man – das ist eine zweite Bedeutung – den Satz vom zu kleinen Haus auf Sibylla selbst. Ihre Klagen über den Neid der Männerwelt auf ihr Dichten und ihr trotziges Beharren, dass sie darauf nicht verzichten wird, bedeutet ja, dass ihr der Raum, der damals für die Selbstentfaltung einer Frau vorgeschrieben war, zu klein, zu eng war.

Und drittens gibt es orthodox religiöse, für die Zeit konventionelle Äußerungen von ihr in Trauergedichten, die besagen, dass sie das irdische Leben und den Körper als Kerker auffasste, aus dem der Tod und das ewige Leben im Jenseits sie dereinst erlösen werden. Und das heißt nun wiederum, dass Sibylla Schwarz eben nicht nur „modern“ dachte, sondern natürlich ein Kind ihrer Zeit war.

Mit den Neuausgaben ihres Werks, inklusive einer Graphic Novel, zeichnet sich nicht nur eine Wiederentdeckung der Dichterin Sibylla Schwarz ab, sondern eine neue, entstaubte Lesart ihrer Texte. Man kann die Rede von der „Lesart“ sogar wörtlich verstehen. Als wir mit Schauspielern des Theaters Vorpommern und dem Dramaturgen Sascha Löschner die Gedichte für den Film aufnahmen, merkten wir, dass Sinn und Charakter der Texte sich markant ändern lassen, je nachdem, wie man liest: durch Lesetempo, Wortbetonungen, Pausen, Timbre der Stimme etc. Das Gedicht, das wir im Film an den Anfang und den Schluss stellten, heißt „Liebe des Tages Arbeit“. Man kann es konventionell und langweilig moralisierend lesen: Es geht darum, früh aufzustehen und darum, dass jeder „nach Gebühr und Recht“ seine Arbeit anpackt. D.h. die Pflichten sind verteilt und dosiert nach den vermeintlich ewigen Gesetzen der Geschlechterrollen und Ständehierarchie. Doch die letzte Zeile des kurzen Gedichts birgt eine Überraschung. Im Film hebt die Schauspielerin am Schluss fast fragend die Stimme: „Die Lieb‘ ist mein Beginn?!“ Jetzt ist das ein trotziges und als kühn empfundenes Bekenntnis zu einer damals total non-konformen Haltung – für eine junge Frau ohnehin! Fast scheint sie Angst vor ihrem eigenen Mut zu haben.

Ein weiteres Beispiel: Ein Gedicht empfiehlt denjenigen, die sich durch Reisen bilden, „berühmt werden“ wollen, doch lieber zu Hause zu bleiben und stattdessen die Bibel zu lesen. Im Film wird das so gelesen, dass man merkt, wie öde disziplinierend dieser Rat ist, und dass die Autorin darunter leidet. Tatsächlich galt er nur für Frauen. Sibyllas Lieblingsbruder Christian war ja, wie viele andere Bürgersöhne, zum Studium und zur kaufmännischen Netzwerkstärkung nach Frankreich und Holland geschickt worden! Er hat Sibylla von dort mit „moderner“ Literatur versorgt, damit sie nicht nur die Bibel zu lesen hat. (Und er hat es zum Bürgermeister von Stralsund und einem Adelstitel gebracht!)

Und noch ein Beispiel: Das Sprichwort, das Sibylla angeblich in alle ihre Bücher schrieb, lautet: „Lass dir nur nichts so sehr belieben/ So wird dich nichts zu sehr betrüben.“ Die junge Schauspielerin, die das vorliest, kann am Schluss einen Seufzer ob dieses trostlosen Verzicht- und Resignationsgebots nicht unterdrücken.

Es gibt in unserem Film weitere Beispiele dafür, dass solche erzwungenen Lippenbekenntnisse von der Autorin auch ironisch verstanden können. Und das ist nicht nur eine anachronistische „Modernisierung“ der alten Texte. Nein, es wird unterstützt von der neueren Forschung – allerdings, ohne dass man sie jetzt zur Feministin zu machen versuchte. Und natürlich haben Theater und Film einen viel größeren Spielraum für Spekulationen als die Wissenschaft.

In der Leichenpredigt für Sibylla Schwarz behauptete der Pastor, Sibylla habe nur ein paar sehr fromme Kirchenlieder geschrieben, aber ansonsten brav im Haushalt gearbeitet. Der fromme Prediger hat seine Zuhörer belogen. Aber das war dann jahrhundertelang der Tenor bei den Erwähnungen der Dichterin in den Literaturgeschichten. Heute wissen und sehen wir das anders. In Wirklichkeit dominieren in ihrem Werk die Liebesdichtung und das Lob des Landlebens. In dem berühmten Gedicht „Wider den Neid“, dass sie mit einem frommen Bekenntnis zu ihrem Gottvertrauen anfängt und beschließt, zieht sie ganz unchristlich gegen die Männergesellschaft vom Leder, die ihr das Dichten verbieten will. Sie wünscht ihre Neider zur Hölle und in die Wüste, wo Basilisken herrschen, Fabelwesen, die mit Blicken töten können. Und sie bekennt sich zu ihren Idolen: zu antik-heidnischen Dichtern und Musen. Zu Sappho und zu den Barockdichtern Martin Opitz und dem Holländer Jacob Cats. Den Männern schleudert sie entgegen, dass sie 58(!) Dichterinnen kenne. Ihre rhetorischen Anrufungen wie „Oh mein …“ sind an Phoebus und an Martin Opitz adressiert, nicht etwa an Jesus oder Gott. Nach vollen 21 Strophen in dieser Gangart kann doch der fromme Augenaufschlag mit der wörtlichen Wiederholung des Gottvertrauens vom Anfang fast nur noch ironisch aufgefasst werden. So jedenfalls kommt das in der Rezitation im Film rüber.

Nach dem Lob des Landlebens auf dem Landgut der Schwarzens in Frätow, – im Film von Stefan Freytag (Aufnahmen und Schnitt) bebildert mit fast unberührter Ostseeküsten-Natur vom Originalschauplatz – zeigen wir zum „Lied wider den Neid“ kontrastierend das heutige Greifswald, die Stadt. Mit belebter Fußgängerzone (trotz Corona), Baustellen und Autoverkehr. Zu Sibyllas Gedankenüber die Vergänglichkeit vieler menschlichen Anstrengungen (außer Dichtung) fährt nach Bildern der Ruine, die einmal das Haus der

Um 1600 dichteten man in Deutschland lateinisch, griechisch und hebräisch. Auf Deutsch schrieb man nur sehr holperige, hinkende Knittelverse. Es dauerte fast 100 Jahre, das ganze 17. Jahrhundert, bis man endlich gelernt hatte, geschmeidige Verse in deutscher Sprache zu schreiben. Dies, obwohl Martin Opitz schon 1624 sein Lehrbuch „von der deutschen Poeterey“ veröffentlicht hatte. Von den Holländern hatte er gelernt, dass man in den germanischen Sprachen nicht lange und kurze Silben zählen muss, wie im Griechischen und Lateinischen, sondern betonte und unbetonte Silben. Sibylla Schwarz hat nun tatsächlich dieses neue Prinzip von Opitz übernommen und tadellos angewendet. Damit unterschied sie sich vor allem auch von den zahlreichen Universitätsprofessoren und anderen gelehrten Perückenträgern in Greifswald und ganz Pommern, die nebenberuflich Hochzeits- und Trauergedichte schrieben. Die kriegten das auf Deutsch nicht ganz gebacken. Während die anderen, die holpernden Gelegenheitsgedichte, oft nur wenig selbständige Ideen formulieren, fallen die Hochzeits- und Trauergedichte von Sibylla Schwarz auch dadurch auf, dass sie stets eigene und komplexere Gedanken, und oft kühne Metaphern aufweisen. Insgesamt haben sie ein viel höheres Ambitionsniveau!

Schließlich noch ein Wort zur Musik des Films. Sie wurde uns von Annette Fischer, Beata Seemann und Klaus Holsten zur Verfügung gestellt, das ist das Trio La Recréation aus Greifswald/Klein Jasedow. Sie stammt von Johann Vierdanck, einem Organisten und Zeitgenossen von Sibylla Schwarz; ursprünglich wurde sie für den Nordischen Klang 2020 aufgezeichnet. Ebenfalls von Vierdanck ist die Musik, die Peter Tenhaef extra für den Film auf alten Instrumenten eingespielt hat. Johannes Gebhardt spielte für den Film auf dem Cembalo auch Vierdanck, und außerdem Philipp Emanuel Bach, und auf der Orgel einen alten Choral.

Der neue Film von Walter Baumgartner feierte am 13.04.2021 im Literaturhaus Berlin Premiere.

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