Provenienz und handschriftliche Paratexte
im Kopenhagener Exemplar von Sibylla Schwarz: „Deutsche Po
ëtische Gedichte“

von Walter Baumgartner, Oktober 2020

Zwei Exemplare von Sibylla Schwarzin […] Deutsche Poëtische Gedichte […] Danzig 1650, von denen Helmut Ziefle, der Herausgeber der Faksimileausgabe, noch nicht wusste[1], sind neu entdeckt worden. Eines, mit der Signatur 137 Q, findet sich in Kungliga Biblioteket in Stockholm. Es ist in sehr gutem Zustand, enthält aber keine handschriftlichen Einträge und Informationen über seine Provenienz. Das Autorenporträt vor dem zweiten Teil fehlt; nur das Titelkupfer mit den antiken Sibyllen um das idealisierte Rollenbildnis[2] der Dichterin am Buchanfang ist vorhanden. Die „Nachschrift“ des Herausgebers Samuel Gerlach mit dem Druckfehlerverzeichnis fehlt. Da Sibyllas Gedichte veröffentlicht wurden, als Vorpommern schwedisch war, und da ihr Herausgeber, Samuel Gerlach, es mit gleich zwei stattlichen Widmungstexten an Königin Christina versah, ist es nicht überraschend, dass Stockholm ein Exemplar besitzt.[3]

Das zweite Exemplar ist in einem Aufsatz von Susanne Tuttas (1994)[4] ohne detaillierte Informationen erwähnt; es befindet sich in Det Kongelige Bibliotek in Kopenhagen. Dieses Exemplar ist aus mehreren Gründen sehr interessant. Ich konnte es im November 2019 in Kopenhagen untersuchen. Seine Provenienzgeschichte ist äußerst vornehm. Und das Buch ist von mindestens drei Besitzern /Lesern gründlich studiert und mit Anmerkungen bzw. Strichen am Rand versehen worden. Besonders wertvoll sind drei handschriftlich eingefügte Ehrengedichte auf Sibylla Schwarz. Auch in diesem Exemplar fehlt die „Nachschrift“ Gerlachs mit dem Druckfehlerverzeichnis.

1. Provenienz

a) Auf dem Vorsatzblatt von Teil 1 des Buches (Frontispiz), neben dem Titelkupfer, findet sich ein Ehrengedicht, mit Tinte eingetragen, signiert mit: „L.C.P./ Megapolis.“ Megapolis steht für Mecklenburg; L.C.P. sind möglicherweise die Initialen des Namens, wobei P. für Pastor stehen könnte. Das Gedicht ist nicht datiert. (Megapolis wurde von Pfarrern in den dänischen Städten Magleby, von denen es fünf gibt, ebenfalls als Ortsangabe verwendet, Magleby ist etymologisch identisch mit Mecklenburg.)

b) Auf dem vorderen Einband des Buches sind mit Gold die Buchstaben M.B.N. eingeprägt. Auf dem typographischen Titelblatt des ersten Teils steht mit Tinte: „Martin Brückner/ Sangerhausen M[anu prop]ria“. Am oberen Rand steht mit gleicher Hand das Motto: Omnia post Voluntatem, et bene placitum. Auf der leeren Seite vor dem zweiten Teil steht mit Tinte ein Ehrengedicht, unterschrieben und datiert Randerhausen, den 15. Mai 1660, von Martin Brückner. Randerhausen ist das dänische Randers. Martin Brückner ist 1625 in Sangerhausen, Thüringen, geboren, wuchs im Haus seiner Tante auf, der Witwe des Superintendenten Dr. Johannes Pantofilius. Er besuchte die Lateinschule bis er vierzehn war. Dann war er in Hamburg, Pinneberg und Schleswig und ließ sich endlich in Randers nieder. Er heiratete eine Bürgermeisterwitwe und wurde Waag- und Messmeister.[5]

Neben dem Sibylla-Porträt vor dem zweiten Teil gibt es ein handschriftliches biblisches Motto, unterzeichnet ebenfalls mit M. B. N. Auf der letzten, leeren Seite des Buches ist schwach erkennbar die Bleistiftskizze eines Wappens zu sehen. Es könnte sich um den Entwurf für eine Prägung auf dem Umschlag handeln, die nicht realisiert wurde. Das Wappen zeigt eine Brücke, darum herum als Dreieck die Buchstaben B, M und N für Martin Brückner stehen, wobei unklar ist, wofür N steht. Unten steht die Jahreszahl 1652. Brückner hat wohl, wie üblich, die beiden Teile der Ausgabe zwei Jahre nach deren Erscheinen zusammenbinden lassen.

Katalog zu Thotts Bibliothek. Sibylla Schwarz‘ Buch ist Nr. 968

Auktionskatalog, Kopenhagen 1788

c) Ein weiterer Besitzer des Bandes war der dänische Graf Otto Thott von Gavnø. Sibyllas Buch ist aufgeführt in „Catalogi bibliothecæ Thottianæ tomus quartus, continens libros philologicos: Hauniæ, 1788, S. 180, Nr. 1968.[6] Otto Thott (1703-1785) war ein Staatsmann, der mit vielen hohen Ämtern betraut worden war. Eine entfernte Verwandte von ihm war die Seneca-Übersetzerin Birgitte Thott (1610-1662). Otto Thott studierte Jura in Halle, Wittenberg und Jena und bereiste Holland, England und Frankreich. Auf dieser Reise begann er seine Bibliothek anzulegen. Bei seinem Tod umfasste sie 138.000 Bände und war eine der größten Privatbibliotheken Dänemarks im 18. Jahrhundert.

Auf der typographischen Titelseite findet sich am Rand der Tinteneintrag des nächsten Besitzers:„1786 af [aus] Thotts Bibliothek“. Man weiß jedoch, dass die Auktion erst 1788 stattfand.[7]

d) Der nächste Besitzer nach Thott war wieder ein berühmter adliger und gelehrter Büchersammler: Peter Frederik Suhm (1728-1798), wie es der Auktionskatalog über Thotts Bibliothek von 1788 ausweist. Der Däne lebte zeitweise in Trondheim und gründete die Königlich Norwegische Wissenschaftliche Gesellschaft. Er war Historiker und schrieb auch Schöne Literatur. Seine Privatbibliothek umfasste 100.000 Bände. Auf das Titelblatt der Schwarz-Ausgabe schrieb er mit Tinte „1786 af [=aus] Thotts bibliothek“. Dem Auktionskatalog von 1788 zufolge, den die Kgl. Bibliothek Kopenhagen besitzt, kaufte Suhm das Buch in diesem Jahr (nicht 1786) für 2 Mark und 2 Schilling.

e) 1796 kaufte die Königliche Bibliothek in Kopenhagen 85.000 Bände aus Suhms Bestand[8], darunter Sibylla Schwarzens „Deutsche Poetische Gedichte“[9]. Laut dem Buchhistoriker und Bibliothekar der Königlichen Bibliothek in Kopenhagen, Anders Toftgaard, dem ich sehr für seine sachkundige und geduldige Hilfe danke, ist das Exemplar jetzt in die Spezialsammlung wertvoller Bücher eingegliedert worden und wird nach Möglichkeit zum Jubiläumsjahr 2021 digitalisiert werden.

Weitere handschriftliche Eintragungen

Sowohl Thotts auch als Suhms Bibliothek standen im Geiste der Aufklärung auf großzügige Weise Wissenschaftlern und Studierenden in Kopenhagen  offen. Von den handschriftlichen Eintragungen stammen wohl die mit Tinte von den Besitzern. Die vielen Bleistift- und Tintenanstreichungen am Rand bei zitierwürdigen schlagkräftigen Formulierungen und Sentenzen der Gedichte können im Prinzip auch von anderen Nutzern sein. Sie finden sich hauptsächlich im ersten Teil des Buches, stammen mindestens von zwei verschiedenen, vielleicht drei Händen und zeugen auf jeden Fall davon, dass das Buch gründlich studiert wurde.

Kleinere Tinteneinträge sind technischer Art, wie z.B. die Auflösung der Abkürzung H.L.G. über dem Gedicht „Wieder die Feinde jhrer Fretowschen Fröhligkeit“ in „Hilf Lieber Gott“. Der Eintrag kann auf Brückner zurückgeführt werden. Am Rand des Gedichts „Auf Jhres Landesfürsten Tod […]“ steht auf S. Xiij, wo davon die Rede ist, dass die Dichterin von Liebhabern der Poesie Aufmerksamkeit genossen habe, mit Tinte der Hinweis: „N.B. est: M. Samuel G“ [Rand beschnitten, nächste Zeile unleserlich und beschnitten]. Die Handschrift dürfte ebenfalls die von Brückner sein, der das Buch also erst nach dem Eintrag hätte beschneiden und binden lassen. Zu „Auß dem Lied vohn der beständigen Liebe“ ist mit Tinte eine Melodieangabe notiert: „Martin Opitz: ‚Wol dem, der weit von hohen Dingen / Den Fuß stellt auf der Einfalt Bahn…‘“ Diese Melodie passt tatsächlich metrisch. Zu „Auff solchen frühzeitign Todtes-Fall“ steht von einer anderen Hand die Melodieangabe „Kompt Ihr Götter [und] helfft Bet[r]aue[r]n“, die nicht nachgewiesen werden konnte.

Paratexte

Auf dem Vorsatzblatt rechts vor der Titelseite zum 2. Teil des Buches steht mit Tinte ein metrisch unbeholfen, jedoch typisch frühbarock formuliertes „Ehrenverslein“[10] auf Sibylla Schwarz, das weder Verfassername noch Datum verrät. (Handschrift, Rechtschreibung und Grammatik könnten die von Brückner sein.) In der Transkription von Peter Tenhaef lautet der Eintrag:

Sibyllen Schwarzin wegen Ihre hohen gabeü
gebyret sie noch ein Ehrenverslein zu haben

Sie hat gefolgedt des weißen Sallomonns Rat und Thugent
daa Ehr spricht[:] gedenke an deinen schöpffer in der Jugendt
Ehe komen werden die Bößen Allden Thage[n]
und die Jahren die dir nicht werden behagen
Ja die furcht des Heren ist die Wurtzel des Baumes aller Weisheit
welche sie hat geliebet und gesuchet in Ihre fryhen Jahreszeit
Des Edellen Baumes süße früchte hat sie Reichlich genoßen
Daraus ist ihr sehr hoher Geist auch dyrch Entsproßen
Der hat Bei Ihr gewirket in ihre zartten Blyenden Jugent
Daraus sie geschöpffet hohe gaben an Weisheit und Thugent
wor durch sie erlangte Ehre Bei den Leüten in aller Zucht
und ihre Nachgebleibne genißen Noch ietzt Ihre syße frucht
Ihr wart zwar verkürtzet Ihr Thugendhaffttes Leben
Aber Ein sehr weit herlichers und beßer wardt Ihr gegeben
Dan Ihre Edelle seelle ist mit allen gerechten nun in gottes  Hand
Daa Ryhret sie keine Qualle [Qual] Ja keine synde noch schandt
An Jenem Thage werden grynen [grünen] Ihre fyrwelckette Bein
wie das Liebliche gryne gras spricht das Buch der Weisheit fein

Der erste nachzuweisende Besitzer, Martin Brückner, hat ein Ehrengedicht eingetragen und signiert. Es ist barock formuliert, in Alexandrinern. Die Gedanken (inventiones) des Gedichts sind der „Vohrrede an den Ehrengeneigten Leser“ des Herausgebers Samuel Gerlachs entnommen: das junge Alter und der frühe Tod der Dichterin, und die Überlegung, was sie noch alles hätte leisten können, wenn sie länger gelebt hätte. In der Transkription von Monika Schneikart lautet es wie folgt:

Der weylant Ettlen Gottes fürchtigen viel Ehr und Tuggentreichen

Jungfrauw Sibila Schwartzin zu Ehre auff gesetzte

Wer hat J[e]mals gehört / das nur von dreyzen Jahrn
In Kunst der poesi / Ein Jungfrauw sey Erfahren
Wie diese Ettle Seele / die Sibilae Schwartzin
In Unser Teutschen Sprach / Ihr hoger Tugent Sinn
Sich so Erwiesen hat / In Tichten und In Schreiben
Daß auch ihr werdeß Lob / Auch nach dem Todt wirt b[leiben]
Sie hat zwar in der Welt / Mehr Jahre nicht Erreicht
Als nur das SiebenZehnt / In dem sie den Vörbl[eicht]
Und so der Schnöden Welt / Und diesen Helicon
Gegeben guthe Nacht / Ja All Ihrem Thun
Hett ihr der högste Gott / In dieser Sterbligkeit
Mehr Jahre zue gelegt / So wirte sie mit der Zeit
Durch ihren Ihren Feder Kiell/ Noch viel der Schönen Gaben
Der Ettlen poesi / Uns mit gedeillet haben.
Aber der högste Gott / von dem sie den war kommen
Hatt sie in Blühender Zeit / Auch wieder weggenommen
Ich setze zum Beschluß / daß sie damalß Alein
Die teutsche Sibylla / Muß ja gewehsen seyn.

Martin Brückner
Ein Liebhaber Aller Erligen poetey
Anno 1660 d 15 May Randerhau[…]

Um das Titelkupfer herum findet sich ein längerer Eintrag mit Tinte. Es handelt sich um Paraphrasen aus der Offenbarung des Johannes 14.13: „Selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben […] sie ruhen von ihren Mühen; denn ihre Werke folgen ihnen nach.“ Diese Bibelstelle liefert den Text zu einer berühmten Motette, die Heinrich Schütz 1648 geschrieben hat, opus 11/23. Man muss das Buch drehen, um auch den Rest dieser christlichen Extra- Rahmung um die heidnisch-mythologische Titelgestaltung von Sibylla Schwarz‘ Buch zu lesen. (Das Porträt der Dichterin wird dort umrahmt von Medaillons mit den neun prophetischen antiken Sibyllen.) Bei der Fortsetzung der handschriftlichen Extrarahmung handelt es sich um eine gereimte Paraphrase von Sirach 1. Diese Bibelstelle hat Topos-Charakter in Ehrengedichten für dichtende Frauen.[11] Das Weib ist schwach! Deshalb wird jeweils gern daran erinnert, wenn eine Frau begabt ist: „Alle Weisheit kommt vom Herrn und ist bei ihm in Ewigkeit […] Das Wort Gottes in der Höhe ist die Quelle der Weisheit.“ Diese Bibelstelle ist auch angesprochen im „Ehrenverslein“ oben.

Rahmentext des Kopenhagener Exemplars

Der „Rahmen“ im Kopenhagener Exemplar liest sich dann wie folgt:

O Sellich sind die Thotten Mein Lieber Menschen Kindt
die Also in dem Herren Sellich Einschlaffen sindt
dan Sie Ruhen von All Jhrem Myhe und Arbeit
und Jhre Thugendthaffte Werke folgen Ihn Alle Zeit.
Alle Weißheit Ist Alleine von godt dem Heren
Und Jst Bei Jhm Ewiglich in sehr großen Ehren
Das Wort gottes des Aller Höchsten ist die Brun[n]e der Weisheidt
Und das Ewige gebot ist Jhre Uhrsprunck undt Quelle Alle Zeit

Am Rand des Porträts vor dem zweiten Teil des Buches findet sich ebenfalls ein Eintrag mit Tinte, er ist unterzeichnet mit M.B.N., d.h. Martin Brückner:

            Sie hat Tugentlich gelebt und durffte den Tott [=Tod] nicht scheuen,
            ihr hochbegabter Geist konde sich auch sterbend freuen,
            der Leib zwar kam inß grab, die Seele in Gotteß hant,
            doch bleibt ihr guter Nahme in aller Welt bekandt. 

Ein Ehrengedicht, unterzeichnet L.C.P., Megapolis, steht mit Tinte auf dem Vorsatzblatt links neben der Titelseite des 1. Teils des Buches. Im Gegensatz zu den betont christlich-religiösen anderen Einträgen mit ihrem barocken Gepräge macht dieses fast Gedicht den Eindruck, dass hier die Dichterin im Zeichen genieästhetischer Vorstellungen geehrt wird. Der Himmel, der in der letzten Zeile angesprochen ist, meint eher den literarischen Nachruhm als die Auferstehung des Fleisches, die – neben der starken Betonung von christlicher Zucht und Tugend – in dem älteren anonymen Gedicht beschworen wird („An jenem Thage werden grynen Ihre fyrwelcketen Bein“). L. C. P.  müsste dann das Buch – stilistischen und inhaltlichen Kriterien gemäß, die allerdings schwach sind – nach Brückner und vor Thott besessen haben. Die Accumulatio in der ersten Strophe und das Oxymoron im Sprachspiel mit dem Namen Schwarz könnten wiederum als barock gelten.

                           1.
                        O Kunst hoch Edle Sehl‘
                              O aller schonheit Hertz
                        O tugent volle quell‘!
                             Wo ist doch nu dein glantz,
                             Wo ist dein lorber=Krantz,
                        O du pernasen [parnassische] Kertz!

                                   2
                        Du Vaterlandes ruhm
                             Du aller menschen won[n]
                        Der Eltern Eigentuhm
                             Und Ihrer augen lust,
                             Wem ist doch nicht bewust
                        Von dißer schwartzin sonn‘!

                                   3
                        Sie ist Entrißen nu
                             Von aller Eitlikeit
                        W[e]il sie zu hoch dazu
                             Am staube hir zu kleben,
                             Drum muß sie Ewich leben
                        Im himel alle zeit.
                                                                       L.C.P.
                                                                       Megapolis.

N.B. „Auß dem Lied vohn der beständigen Liebe“ geht auf die Melodie von Opitz:

Wol dem, der weit von hohen Dingen
Den Fuß stellt auff der Einfalt Bahn;
Wer seinen Muth zu hoch wil schwingen,
Der stöst gar leichtlich oben an.
Ein Jeder lobe seinen Sinn,
Ich liebe meine Schäfferinn.

Ein hohes Schloß wird von den Schlägen
Deß starcken Donners mehr berührt;
Wer weit wil, fellt offt auß den Wegen
Und wird durch seinen Stoltz verführt.
Ein Jeder lobe seinen Sinn,
Ich liebe meine Schäfferinn.

Auff grosser See sind grosse Wellen,
Viel Klippen, Sturm und harter Wind;
Wer klug ist, bleibet bey den Quellen,
Die in den grünen Wäldern sind.
Ein Jeder lobe seinen Sinn,
Ich liebe meine Schäfferinn.

Hat Phyllis gleich nicht Gold und Schätze,
So hat sie doch, was mir gefellt;
Wormit ich mein Gemüt‘ ergetze,
Wird nicht erkaufft umb Gut und Geldt.
Ein Jeder lobe seinen Sinn,
Ich liebe meine Schäfferinn.

Man steth bey reicher Leute Pforte
Sehr offt und kömpt doch selten ein;
Bey ihr bedarff es nicht der Worte,
Was ihr ist, ist nicht minder mein.
Ein Jeder lobe seinen Sinn,
Ich liebe meine Schäfferinn.

Glentzt sie gleich nicht mit theuren Sachen,
So gläntzt doch ihrer Augen Liecht:
Gar viel muß Hoffart schöne machen,
Ihr schlechter Schein betreugt micht nicht.
Ein Jeder lobe seinen Sinn,
Ich liebe meine Schäfferinn.

Ist sie gleich nicht von hohem Stande,
So ist sie dennoch auß der Welt;
Hat sie gleich keinen Sitz im Lande,
Sie selbst ist mir ein weites Feldt.
Ein Jeder lobe seinen Sinn,
Ich liebe meine Schäfferinn.

Wer wil, mag in die Lüfften fliegen,
Mein Ziel erstreckt sich nicht so weit;
Ich lasse mich an dem begnügen
Was nicht bemüht und doch erfreut
Und lobe billich meinen Sinn,
Und meine schöne Schäfferinn.


[1] Ziefle nennt Exemplare in Greifswald, Stralsund, Wolfenbüttel, London, Gdansk und Yale, vgl. Sibylla Schwarz, Deutsche Poëtische Gedichte, Faksimiledruck nach der Ausgabe von 1650, hg. v. Helmut W. Ziefle, Bern, Frankfurt a.M., Las Vegas 1980, S. 8*.

[2] Zur Unterscheidung zwischen Autorenporträt und Rollenbildnis s. Monika Schneikart; „Die Bedeutung der Autorenporträts für weibliche Autorschaft im 17. Jahrhundert am Beispiel der Edition Deutsche Poëtische Gedichte von Sibylla Schwarz“, in: Bildnispolitik der Autorschaft. Visuelle Inszenierungen von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart. Hg. v. Daniel Berndt, Lea Hagedorn, Hole Rößler u. Ellen Strittmatter, Göttingen 2018, S. 149-172, S. 150, Fußn. 3, und S. 160f.

[3] Es ist außerdem bekannt, dass Gerlach im Dreißigjährigen Krieg schwedischer Feldprediger war. Vgl. Bernd Autenrieth, Samuel Gerlach. Feldprediger, Hofprediger, Prälat (1609-1683), Stuttgart 2000, S. 30-38.

[4] Susanne Tuttas: „Sibylla Schwarz – die „Pommersche Sappho“, in: Pommern in der Frühen Neuzeit. Literatur und       Kultur in Stadt und Region,hg. v. Wilhelm Kühlmann, Horst Langer, Tübingen 1994, S. 389-198, hier S. 390.

[5] Internet https://www.wikitree.com/wiki/Brückner-40

[6] https://books.google.dk/books?id=icdXAAAAcAAJ&pg=PA180#v=onepage&q&f=false

[7] Vgl. Palle Birkelund: „Det Thottske biblioteks sidste dage“, in: Arne Stuhr-Rasmussen, Fra de gamle Bøgers Verden, København 1953, S. 94. Pauschal über Suhms große Einkäufe an dieser Auktion vgl. S. 95.

[8] S. http://fabian.sub.uni-goettingen.de/fabian?Koenigliche_Bibliothek(Kopenhagen)

[9] Signatur: 257 00856.Katalogeintrag: https://soeg.kb.dk/permalink/45KBDK_KGL/16bqo9j/alma9912249982190576

[10] Es gibt also gute Gründe dafür, zwischen Widmungs- und Ehrengedichten zu unterscheiden, auch wenn diese beiden Gattungen heute oft nur Widmungsgedichte genannt werden. Erstere sind verfasst von AutorIn oder Herausgeber und an einen hohen Gönner gerichtet. Letztere von Bekannten, die das Buch aus Freundschaft rühmen und den Lesern empfehlen.

[11] Vgl. Walter Baumgartner: „‘Vi hende give vil den Sted hun har fortient‘. Æresdiktene i Dorothe Engelbretsdatters bøker“, in Norsk Litterær årbok 2019, S. 135, 137f. und 146.